Unsere Praktikantin Charlotte hat mit einem unserer Klienten über Corona in Haft und seine Haftzeit im Allgemeinen gesprochen. Hier ihre Gedanken.

Charlotte: Du kannst gerne mal loslegen und einen Schwung aus deiner Haftzeit erzählen. Was du so im Kopf hast. Was für dich besonders prägend war, gut oder schlecht. Besondere Ereignisse…

Mark: Alles was draußen passiert, passiert in Haft erst viel später. Man sagt, wenn draußen was passiert, kommt es in der Haft Tage oder Wochen später an und so war das dort auch mit den Corona Maßnahmen. Drinnen bekommt man kaum mit, was draußen passiert. 
Das der Lockdown in Hamburg begann, alle Läden geschlossen waren, alle Straßen leer waren – das kannten wir nur aus dem Fernsehen. Irgendwann, vielleicht eine Woche nach dem Lockdown draußen, wurden dann auch alle Türen in der Haftanstalt zugemacht. Kompletteinschluss. Das heißt dann erstmal (die ersten drei Tage, glaube ich) ging die Zellentür zu und das gab Essen und Post nur an der Zellentür. Keine Freistunde, keine Dusche. Das war mir prinzipiell egal, weil ich meine Bücher und meine Zeitung hatte. Ich habe es mir im Rahmen meiner Möglichkeiten gemütlich gemacht und hatte meine Ruhe von dem Ganzen.

Das fehlende Duschen und die gestrichene Freistunde waren natürlich schon sehr unangenehm.

Die Freistunde ist an der frischen Luft und steht jedem Inhaftierten zu. Darum habe ich gleich, so wie es mein Naturell ist, einen Eilantrag gestellt. Der ging auch durch. Zeitverzögert, aber nach drei Tagen gingen die Türen wieder auf. Als die Zellen wieder aufgingen, habe ich spaßeshalber einen weiteren Antrag gestellt. Nach dem Motto „Wann bekommen wir denn jetzt unsere Schutzmaske?“  Die Beamten kommen ja von draußen rein und könnten das Virus reintragen. Und dann hieß es „Eine Maske ist nicht erforderlich“ und im Nachhinein sagt man sich auch „MhhAähaaaa“. Somit gab es in der Justizvollzugsanstalt lange keinerlei Masken. Die kamen erst viel später. Als genügend Material vorhanden war, wurden Monate später die Masken dann auch in der Haftanstalt verpflichtend.

Dann fiel auch noch der Besuch weg – komplett. Vorher habe ich immerhin so alle 2-3 Monate mal Besuch bekommen. Dann hieß es in einer Ankündigung, dass man jetzt überlegt, ob man nicht vielleicht für jeden Gefangenen ein Handy zur Verfügung stellt. Und als ich das gelesen habe, habe ich mich totgelacht. Ich sagte

„niemals werden die Handys einführen, niemals!“

Und auch ein Beamter, der auch schon 30 Jahre im Dienst war hat, hat auch zu mir gesagt: „Herr M., niemals! Da haben Sie recht, niemals!“ 
Plötzlich stand aber doch das Handy auf der Einkaufsliste. Also anstelle des Besuchs, der ja überhaupt nicht mehr stattfand, und ich war tatsächlich der Erste auf der Station, der das Handy überreicht bekommen hat. In dieser Zeit war ich sehr zufrieden, dass ich ein Handy hatte. Das war schon ein Bonus. Das haben die anderen auch so empfunden. Es hat die ganze Sache leichter gemacht – den Haftalltag.

Die Arbeit ist allerdings weggefallen. Das war erstmal nervig. Ganze Häuser hatten gar keine Arbeit mehr – bis auf die systemrelevante Arbeit in der Küche und dann gab es ausgewählte Gefangene, zu denen ich dann auch gehört habe, die dann wieder Arbeit bekamen. Zeitweise nur vormittags, aber dann hat sich das irgendwie so eingependelt, dass wir dann wieder Arbeit hatten. Außerhalb der Arbeit, also als es noch keine Arbeit gab, habe ich Bücher und Zeitung gelesen. Ein bisschen Sport gemacht – wobei der auch sehr lange nicht stattfinden konnte. In der Zeit gab es nur den Haftraumsport.

Richtig belastend war diese Corona Zeit in Haft für mich nicht wirklich. Erst später, als das Handy wieder weg war und der Besuch wieder stattfand, war es besonders nervig, dass der Besuch nur mit einem Sicherheitsabstand von mindestens 1,5 Metern und hinter einer Trennscheibe mit Maske stattfinden musste. Teilweise war es so laut im Besucherraum, dass man sein Gegenüber nicht verstanden hat. Dann musste man immer nachfragen und das war mir ein bisschen unangenehm, dass mein Besucher das dann ertragen musste. Das war extrem belastend. Der Besucher musste auch einen Schnelltest vorweisen. Dann habe ich auch mal gesagt

„Du brauchst mich jetzt nicht besuchen zu kommen, das ist ja unangenehm.“

Das war das einzig belastende, aber sonst habe ich das jetzt nicht so als schlimm empfunden.
Positiv an einer Freiheitsstrafe ist, dass man Zeit für sich hat, um über gewisse Dinge nachzudenken. Dass man Abstand zu manchen Dingen bekommen kann. Das hat ja schon etwas Meditatives, wenn man in einer Zelle sitzt und dann über so ein paar Dinge nachdenken muss. Das war eigentlich positiv. Das einzig negative oder das schlimmste war, dass ich da teilweise mit sehr schwierigen Menschen untergebracht war und das ist schon sehr belastend gewesen. Ich war zwar im Einzelhaftraum, aber man verkehrt ja auch mit den Leuten. Die sind dann immer zu mir gekommen, weil die was geschrieben haben wollten (so juristische Dinge und sowas). Und das ist auch belastend, wenn man sich das alles anhören muss – also deren Probleme und es sind immer dieselben Probleme: Immer haben die anderen Schuld, der Vollzug hat Schuld, die oder die haben Schuld, nur man selbst hat eben keine Schuld und ist der „Saubermann“…

Ich hatte eigentlich nie Probleme mit dem Vollzug an sich. Ich habe das alles akzeptiert. Ich habe auch die Regeln adaptiert und letztendlich habe ich mich auch konform verhalten. Für mich machte das alles Sinn und insofern war das auch okay für mich. Ich habe dann auch nicht die Schuld bei anderen gesucht. Bei dem Vollzug oder so. Was mich nur ein bisschen gestört hat, war so die Auseinandersetzung mit der Vollzugsleitung, wenn die dann so ihre Schriftsätze bei Gericht eingereicht haben. Da hörte der Spaß dann auch auf. Also wenn man dann anfängt zu lügen und die Tatsachen verdreht, dann ist das nicht so schön und wenn die dir vermitteln wollen „Du musst jetzt in Zukunft moralisch sein und dich an Recht und Gesetz halten“, aber selbst verstoßen sie jeden Tag dagegen, dann ist das nicht so wahnsinnig witzig. Wie gesagt, man muss seinen eigenen Weg finden, um mit sich selbst klazurkommen und mit seinem Vergehen. Mit seiner Vergangenheit und mit seiner Seele muss man selbst klarkommen. Das kann kein Dritter für einen übernehmen.

Ohne die Einwirkung des Vollzugs wäre ich vielleicht ein anderer Mensch geworden. Strafvollzug hat schon seinen Sinn und es hat oftmals auch eine heilende Wirkung, oder kann eine heilende Wirkung haben. Es liegt allerdings an jedem selbst, wie er das annimmt und wie er darüber nachdenkt. Das Nachdenken ist immer das Wichtigste, aber es ist auch einfach alternativlos. Das Auflehnen gegen den Vollzug bringt nichts. Das machen nur die, die denken, dass sie keine Schuld trifft. Man muss die Zeit sinnvoll nutzen. Also wenn die Leute ohne Arbeit bis 10 Uhr pennen, dann RTL2 konsumieren und dann mit ihren Leuten abhängen, die genauso drauf sind und dann da immer nur versuchen Drogen reinzuschmuggeln und den Vollzug auszuhebeln, dann ist das eine verlorene Zeit. 
So einfach ist das. Dann wird man auch nicht charakterlich gefestigt. Dann wird man irgendwann entlassen und dann geht alles wieder von vorne los.

Die Ausgestaltung des Vollzugs in Hamburg könnte besser sein.

Für die Leute, die konform gehen mit der Hausordnung, die sich an die Regeln halten, die vernünftig agieren, sollte es mehr Lockerungen geben. Warum sollte man für diejenigen den Vollzug nicht öffnen? Das verstehe ich überhaupt nicht. Das ist für mich nicht nachvollziehbar warum da immer noch versucht wird draufzutreten. Also was ich miterlebt habe, was für Leute in den offenen Vollzug gegangen sind, das verstehe ich echt nicht. Die kommen meist wieder zurück, aber wenn es dann noch neue Tatopfer gibt, ist das dann nicht so schön. Deswegen auch meine Skepsis mit der der Handygeschichte. Als die Handys eingeführt wurden habe ich zu dem einen Beamten gesagt „ja was ist denn mit Leuten, die jetzt ihre Tatopfer anrufen? Wer übernimmt denn da die Verantwortung? Der Vollzug übernimmt doch sicherlich nicht die Verantwortung.“ 
Deswegen hätte ich das mit den Handys auch niemals glauben können und hätte, wenn ich Verantwortlicher gewesen wäre, das niemals genehmigt, niemals! Ich hätte da mit ein bisschen mehr Augenmaß agiert.

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